23
März
2017
|
12:32
Europe/Amsterdam

Wie sag ich's meinem Chef?

Von Alexandra Englert – Ein Strich. Und zack, da war er auch schon – der zweite Strich. Damit stand fest: Das zweite Kind ist im Anmarsch und mein Leben würde erneut auf den Kopf gestellt werden. Und das, wo es sich gerade wieder einigermaßen eingependelt hatte. Arbeit, Kita und Freizeit mit meinem Sohn Samu – all das hatte eine gewisse Routine bekommen. Und die fühlte sich gut an. Dank des Büroalltags fast ein bisschen wie das „alte“ Leben.

Gefühlschaos

Meine anfänglichen Gefühle waren gemischt: Klar war, dass unser bald Zweijähriger ein Geschwisterchen bekommen würde – und das war erstmal Grund zur Freude. Aber das Timing? Das sorgte bei mir spontan – zumindest jobtechnisch – für leichtes Unwohlsein. Immerhin war ich zu diesem Zeitpunkt gerade einmal seit zwei Monaten zurück in meinem Team. Sollte es das jetzt also schon wieder gewesen sein?

Die Gedanken, die in meinem Kopf durcheinander wirbelten, wurden von einer pochenden Frage dominiert: Wie sag ich’s bloß meinem Chef? In unserer Abteilung herrscht gefühlt mehr Fluktuation als früher, Kapazitätsprobleme gibt es an jeder Ecke. Ich war gerade wieder in die laufenden Themen eingearbeitet, fester Bestandteil im Team geworden. Und nun musste ich auch schon wieder meinen Weggang kundtun. Das kann ich doch nicht bringen...

Musste ich aber. Eine Wahl hatte ich nicht.

Erst eine, dann zwei, dann drei

Was an dieser Stelle erwähnt sein sollte: Als ich vor rund zwei Jahren mit dieser Nachricht rausrückte, war die Situation in unserem Team eine besondere. Unser Teamleiter wurde innerhalb weniger Monate von drei Mitarbeiterinnen mit einer Schwangerschaft überrascht. Von jetzt auf gleich musste er ein Drittel seines Teams ersetzen – der Arme! Ich schmückte damals die goldene Mitte. Reagiert hat er super und gefreut hat er sich für jede von uns aufrichtig. Aber trotzdem: Durch unsere Weggänge entstanden Unruhe und Unbeständigkeit. Arbeit. Abschiedsschmerz. Und natürlich eine Menge Gesprächsstoff für Kollegen und den Flurfunk.

Diese Vorgeschichte sorgte nicht unbedingt dafür, dass ich mich besser fühlte. So froh ich darüber war, dass sich meine private Lebensplanung mehr oder weniger selbstständig ihren Weg gebahnt hatte, so enttäuscht war ich, dass meine Tage im Büro schon wieder gezählt sein sollten. Und ich zunächst erneut in die Rolle einer „Geheimnisträgerin“ schlüpfen musste. Eine sehr undankbare Rolle, wie ich finde.

Beim zweiten Mal wird alles leichter – von wegen!

Von hormonbeschwingtem Wandeln auf den Pfaden des Glücks kann in dieser Anfangszeit nicht die Rede sein. Zumindest bei mir nicht. Stattdessen kämpfte ich mit Übelkeit, Müdigkeit und allgemeinem Unwohlsein. Das schlimmste an dieser Zeit ist aber, dass man mit niemandem sprechen kann und seine Wehwehchen so gut es geht versteckt. Noch dazu fühlt man sich von Anfang an schuldig, weil man allen etwas vorenthält.

Es wurde eine zähe Zeit. Das einzige Ziel lautete: Durchhalten bis Tag X, an dem die kritischen ersten Monate geschafft waren und ich endlich mit der Sprache rausrücken konnte. Obwohl mir vor dem Moment der Wahrheit graute.

Auf den langen Autofahrten zur Arbeit überlegte ich mir fast täglich, wie ich die Botschaft so verdaulich wie möglich überbringen könnte. Einen offiziellen Termin vereinbaren? Aber mit welchem Betreff? Allen Chefs gemeinsam? Oder allen nacheinander? Und wie könnte ich das Gespräch einleiten? Ahnten sie es sowieso schon? Wie würden meine Kollegen reagieren? Und vor allen Dingen: Wann sollte ich es sagen?

Große Verkündung

Hin- und Hergerissen zwischen Freude und schlechtem Gewissen wurde mir zumindest die Entscheidung für den Zeitpunkt der „großen Verkündung“ abgenommen: Wir fuhren zu einer Abteilungs-Klausur, bei dem es um die Jahres- und Kapazitätsplanung gehen sollte. Eine bessere Vorlage bekam ich wohl nicht.

Auf der Fahrt dorthin hatte ich die Gelegenheit, meine Chefs vorab in Kenntnis zu setzen. Es kostete mich Überwindung, doch entgegen aller Befürchtungen war die Reaktion super. Herzlich, warm, ehrlich. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Beflügelt davon platzte es später auch in der großen Runde aus mir heraus. Neben anfänglichen, ungläubigen Blicken überwog die Freude meiner Kollegen und Vorgesetzten. Große Erleichterung machte sich bei mir breit. Am Ende war alles halb so schlimm. Wieso hatte ich mich eigentlich so verrückt gemacht?

Der eigene Weg zum Glück

Tja, das weiß ich heute auch nicht mehr so genau. Dass diese Zeit keine leichte für mich war, lässt sich trotzdem nicht leugnen. Letztlich lässt sich mein „Unwohlsein“ auf das zentrale Dilemma zwischen Beruf und Familienplanung zurückführen. Die alles entscheidende Frage ist doch: Wie sieht für einen persönlich ein erfülltes Leben aus? Für mich besteht es ganz klar aus zwei Komponenten: Familie UND Job.

Doch allem gleichzeitig gerecht zu werden ist – zumindest in den Anfangsjahren - kaum möglich. Da mein Mann unter der Woche unterwegs ist, für uns also kein alternatives Betreuungsmodell in Frage kommt, muss meine Karriere also erneut auf die Wartebank. Aber das ist ok. Wie das Leben eben so spielt. Mit etwas Abstand gesehen - mir doch sehr in die Karten!

Kommentare 1 - 1 (1)
Danke für Ihre Nachricht.
Ursel Achatz
27
March
2017
Hallo Alexandra,

Deinen Beitrag finde ich sehr ehrlich und offen. Es ist doch schön, solche Kollegen zu haben. Da steht dem nächsten Berufseinstieg nichts im Wege.
Auch Glückwunsch zum zweiten Kind und alles Gute.

Herzliche Grüße
rsel Achatz