09
März
2017
|
08:00
Europe/Amsterdam

Von der Wüste ins Büro

Von Andrea Spielvogel - Meine Arbeitstage fangen mit einem Lächeln an, spätestens sobald der Blick auf den Hintergrund meines Bildschirms fällt. Er zeigt eine atemberaubende Dünenlandschaft mit einer Rallye-G-Klasse. Viele Kollegen haben ihre Kinder als Bildschirmhintergrund gewählt, ich ein Wüstenbild mit Auto. Wenngleich die Kinderkomponente wenigstens ein bisschen gegeben ist, denn mein Sohn sitzt am Steuer.

Seit drei Jahren fahren wir zusammen Rallyes. Nach zwei erfolgreichen Rallyeteilnahmen für Mercedes-Benz Vans bei der „Aicha des Gazelle“ und vielen weiteren Offroad-Kilometern, habe ich mich 2013 entschieden, ein eigenes Rallyeauto zu kaufen. In meinem Umfeld hat das erstmal zu ungläubigem Kopfschütteln geführt.

Frei nach dem Motto: „Das kann ja nicht so schwer sein“, sind wir zum Einstand gleich beim größten Offroad-Rennen Europas, der Baja Deutschland, angetreten. Mein damals 16-jähriger Sohn Mel war als Co-Pilot für die Navigation verantwortlich. Es war ein Riesenabenteuer: In einer Kurve touchierte ein Lkw recht unsanft meine Fahrertür und es war so schlammig, dass viele Mitstreiter steckenblieben. Wir aber fuhren beharrlich unsere Runden und landeten nach rund 500 Rennkilometern auf Rang 80 von 120. Das Ergebnis war uns ehrlich gesagt völlig egal und auch, dass keiner so recht wusste, was man von uns halten sollte. Wir hatten mächtig viel Spaß bei unserem ersten gemeinsamen Rennen.

Gerade mal zwei Monate später wurden wir in der Rookie-Klasse eines 24-Stunden-Rennens, trotz eines Motorschadens, überraschend Zweiter im Gesamtklassement. Viele weitere Rennen und zwei Wüstentouren durch Marokko später sind wir Teil der Offroad-Community. Wir haben sehr viel gelernt, unser Equipment professionalisiert und vor allem unser Auto verbessert.

Gute Erfahrungen - auch fürs Büro

Nun, was aber hat mein Hobby mit meinem Job zu tun? Beruflich beschäftige ich mich in der IT mit Digitalisierungsthemen unter anderem der digitalen Weiterentwicklung unserer Autovermietung Mercedes-Benz Rent. Vieles, was ich beim Rallyefahren gelernt habe, hilft mir, Dinge in meiner täglichen Arbeit anders, pragmatischer anzugehen.

Vertrauen. Beim Rallyefahren ist es unmöglich, zu fahren und gleichzeitig in das Roadbook zu schauen. Der Fahrer muss auf die Fähigkeiten des Co-Piloten vertrauen. Ebenso wichtig ist es, Wissen an jemanden weiterzugeben, der nicht so erfahren ist. Noch viel wichtiger aber, dem anderen auch Raum zu lassen, eine eigene Vorgehensweise zu finden.                 

Lösungsorientierung. Bei unserem letzten Rennen gab es einen Moment, in dem wir nicht abgestimmt waren. Ich war zu schnell, Mel kam mit dem Roadbook lesen nicht hinterher und prompt haben wir uns verfahren. Macht es nun Sinn darüber zu lamentieren, wer schuld war? Natürlich nicht, das Ziel ist ja, möglichst wenig Zeit zu verlieren. Man trifft also gemeinsam eine schnelle Entscheidung, arbeitet zusammen an der Lösung des Problems und kommuniziert das nächste Mal schlicht besser.

Perspektivwechsel. Im ersten Jahr hatten wir eine klare Rollenverteilung. Jeder gab sein Bestes, aber natürlich gab es auf beiden Seiten, wenn etwas schief lief, auch manchmal Zweifel, ob man es selbst nicht besser könnte. In unserem zweiten Jahr fand das „Begleitete Fahren ab 17 Jahren“ auch auf der Rennstrecke statt und wir wechselten uns fortan in den Rollen ab. Der ständige Perspektivenwechsel hat uns wirklich weiter gebracht. Wir haben ein besseres Verständnis für unsere Stärken und Schwächen, gepaart mit der Erkenntnis, dass vieles von außen betrachtet einfacher erscheint.

Parallelen zum Berufsleben

Aber man kann noch eine weitere Parallele ziehen. Viele Projekte scheitern, weil man mit einem Big-Bang-Ansatz erst startet, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind. Bei Digitalisierungsprojekten ist der Ansatz des „Minimal-Viable-Product“ das Mittel der Wahl, weil er der schnellste Weg zur Marktreife ist. Man kann es vielleicht so erklären: Das Minimum-Viable-Product (MVP) ist das kleinste brauchbare Produkt, um eine Idee an den Start zu bringen. Es geht nicht um das perfekte Produkt, das alles kann, sondern um ein Basisprodukt, welches das wichtigste Problem löst und danach Stück für Stück verbessert wird.

Wir wussten damals nicht, dass es für unsere Vorgehensweise Rallyes zu fahren einen Namen gibt. Wir haben klein angefangen, mit einem nicht mehr ganz taufrischen Auto als Basisprodukt. Unser rudimentäres Equipment und das kleine Zelt zum Übernachten haben wir im Rennwagen gerade noch so untergebracht.

Inzwischen ist unser „Renn-G“ komplett rundumerneuert, wir haben eine weitere G-Klasse als Zugfahrzeug, in dem wir dank Liegefläche und Standheizung gemütlich schlafen können, einen Autotransportanhänger, unzählige Ersatzteil- und Werkzeugkisten und ein riesiges Teamzelt. Jetzt ist alles weniger abenteuerlich und deutlich professioneller. MVP-Ansatz hin oder her – der Spaß ist immer noch der Gleiche.

Kommentare 1 - 6 (6)
Danke für Ihre Nachricht.
Sabine Frasch
13
March
2017
Toller Bericht. Super Bilder. Macht Lust auf ein neues Hobby ;o))
Andrea Spielvogel
24
March
2017
Danke schön :)
Olaf Kath
10
March
2017
Du hast so recht mit dem Vergleich zwischen Rallye und Beruf. Man muss Vertrauen zueinander haben, auf ungewohntem Terrain zurecht kommen und sollte auch mal die Perspektive wechseln. Und wenn man es dann nocht schafft, klein anzufangen und im Laufe der Zeit zu wachsen, hat man sehr viel gewonnen.
Ich habe übrigens seit über 20 Jahren meine zwei Jungs als BS-Hintergrund, alle halbe Jahr ein neues Bild, aber fahre aktuell auch eine G-Klasse und kann sehr gut verstehen was dir daran so gut gefällt.
Andrea Spielvogel
13
March
2017
Vielen Dank und vielleicht lässt du deine Jungs auch mal mit dem G fahren ;)
Edith Meissner
10
March
2017
Tolle Bilder, spannender Bericht, mitten im Leben: Chapeau! Der Blog wäre es wert, weiter geteilt zu werden.
Andrea Spielvogel
13
March
2017
Vielen Dank :)
Bernd Wehinger
10
March
2017
wow - schöner Einblick in Dein Hobby
Andrea Spielvogel
13
March
2017
Vielen Dank :)
Alexander Richter
10
March
2017
Sehr schöner und interessanter Beitrag Andrea. Freue mich schon jetzt auf weitere Berichte und Bilder - sei es im Breakfast Club ober hier :)
Andrea Spielvogel
13
March
2017
Vielen Dank und bis bald im Breakfast Club :o)
Julia Meiser
09
March
2017
Vielen Dank Liebe Andrea für diesen inspirierenden Beitrag. Schade dass ihr keinen Platz für einen Mitfahrer habt..
Andrea Spielvogel
13
March
2017
Liebe Julia, im Sommer nehme ich dich mal auf eine kleine Runde mit :)
Kontakt
Andrea Spielvogel
arbeitet seit 2014 in der IT der Mercedes-Benz Bank
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