05
Mai
2017
|
07:00
Europe/Amsterdam

Kreditvergabe: Wie die Entscheidung fällt

Von Alexandra Detlefsen – Kreditentscheidungen fällen: ein staubtrockener, superkomplizierter Beruf? Mitnichten! Ich bin Kreditanalystin bei der Mercedes-Benz Bank und kann für mein Spezialgebiet sagen, dass es alles andere als trocken ist. Der Ablauf einer Entscheidung darüber, ob jemand einen Kredit bekommt, läuft in der Theorie vereinfacht so: Ich bekomme eine Leasing- oder Finanzierungsanfrage, hole Unterlagen und Auskünfte ein, schaue mir alles zusammen an und treffe auf dieser Basis eine Entscheidung.

Theorie und Praxis…

Wie so oft unterscheiden sich aber Theorie und Praxis. So ist es auch auf dem Weg zur Kreditentscheidung. Da gibt es nicht den einen goldenen Weg, denn jeder Kunde ist anders. Um jedem gerecht zu werden und den Einzelfall beurteilen zu können, brauche ich individuell unterschiedliche Informationen. Jeden Tag bekomme ich verschiedenste Anfragen von Geschäftskunden rund um Leasing und Finanzierung sämtlicher Fahrzeuge, die bei Daimler vom Band rollen: vom smart bis zur Mercedes-Benz S-Klasse, vom Transporter bis hin zum Lkw.

Grundsätzlich muss bei uns in der Bank für jedes Geschäft eine Kreditentscheidung getroffen werden. Hierbei unterstützt der Computer: die Anfrage durchläuft mit dem Scoring einen maschinellen Risikoklassifizierungsprozess.

Wenn die Maschine nicht weiter weiß

Von den Anfragen, die bei mir ankommen, würde ich am liebsten jede mit einer Finanzierung oder einem Leasing begleiten. Für die Prüfung ziehen wir unterschiedliche Faktoren heran, zum Beispiel bisherige Erfahrungen, Unternehmenskonzept, Auskunftslage, Jahresabschlussunterlagen und dergleichen.

Jetzt beginnt das Jonglieren mit den unterschiedlichen Interessen, die sich gegenüber stehen. Zum einen möchte ich natürlich, dass der Kunde zufrieden ist und so reibungslos wie möglich sein Wunschfahrzeug bekommt. Zum anderen muss ich genau schauen, dass ich als Vertreterin der Bank nur Risiken eingehe, die keine Ausfälle entstehen lassen – auch wichtig für unsere Anleger. Hier ist ein Zusammenspiel aus rationalem Sachverstand und ja - tatsächlich auch Bauchgefühl gefragt. Hinter jeder Anfrage steht ein Kunde, deswegen spielt neben Regularien und Anforderungen auch meine jahrelange Erfahrung eine wichtige Rolle.

Im Idealfall kann ich ein Geschäft nach genauer Prüfung so genehmigen, wie es angefragt wurde. Das geht aber nicht immer. Einige Geschäfte müssen beauflagt oder gar abgelehnt werden. Auch solche Entscheidungen müssen mit einem guten Gewissen getroffen werden, denn das Abwägen der Interessen heißt auch, sich manchmal nicht in der Mitte zu treffen, sondern auf der sicheren Seite. Dabei geht es nicht nur darum, dass wir uns als Bank absichern müssen, sondern um den Kunden. Verantwortungsvolle Entscheidungen für oder gegen Kreditanfragen bedeuten vor allem, dass sie zum Kunden passen und er sich weder übernimmt noch in einen Engpass kommt. Als Leitlinie hilft dabei der Kodex „Kredit mit Verantwortung“ des Bankenfachverbands.

Entscheidungen sind individuell

Jede Entscheidung hat eine eigene Vorgeschichte, je nachdem ob es sich um einen Taxikunden, ein Baugewerbe, ein mittelständisches Unternehmen, eine kleine Transportfirma, einen Handwerker, Unternehmensberater oder Rechtsanwalt handelt. Die Bandbreite unserer Kunden ist enorm. Jeder muss individuell betrachtet werden: Verfügt der Kunde etwa über jahrelange Erfahrung oder ist er Existenzgründer? Zahlreiche Parameter fließen in meine Entscheidung ein und zeigen, dass es keinen pauschalen Weg zur Finanzierungsvergabe gibt. Für mich ist dieser Job abwechslungsreich und spannend – entgegen dem Vorurteil, dem ich hin und wieder im Bekanntenkreis begegne.

Kommentare (0)
Danke für Ihre Nachricht. Sie wird nach Freigabe angezeigt.