27
Januar
2017
|
13:08
Europe/Amsterdam

Kraftakt

Von Lisa Orgeldinger – Hat irgendwer behauptet, Frauen seien multitaskingfähig? Für mich gilt das nicht. Oder besser gesagt: ich bin es nur widerwillig. Wenn es sich vermeiden lässt alles gleichzeitig zu tun, erledige ich lieber eins nach dem anderen. Ich liebe Struktur und Ordnung. Dinge zu durchdenken, bevor ich starte. Und bringe Aufgaben gern zu Ende.

Mein eigener Herr

Früher war das ganz einfach. Ich hatte keinen harten Anschlag. Mein Mann arbeitet meist länger als ich, keiner wartete zuhause auf mich. Wollte ich im Büro noch etwas fertig machen, hängte ich einfach noch eine halbe Stunde dran. Oder eine Stunde. Macht ja nichts. Das gute Gefühl, verrichteter Dinge nach Hause zu gehen, war es mir wert.

Heute ist das ganz anders. Ich habe einen kleinen Sohn, Henri. Seit er ein Jahr alt ist, geht er halbtags in die Kita und ich ins Büro. Mit 50 Prozent zurückzukehren, war eine ziemliche Umstellung für mich. Ich arbeite 20 Stunden, verteilt auf vier Tage. Um in dieser Zeit etwas zu schaffen, muss ich gefühlt jede Sekunde nutzen.

 

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt

Das klappt natürlich meistens nicht. Im Büro bin ich Teil eines sozialen Gefüges. Ich habe Termine, unvorhersehbare Dinge passieren, es gibt allerlei Ablenkung – zum Glück, denn das macht meinen Arbeitsalltag spannend. Aber wahr ist: Anfangs fiel es mir nicht leicht, mich darauf einzulassen. Fing ein Kollege ein Gespräch mit mir an, ertappte ich mich dabei, wie mein Blick immer wieder zum Bildschirm wanderte. Meine Antworten fielen knapp aus, ich konnte mich nur auf das konzentrieren, woran ich gerade arbeitete. - Wie unhöflich, dachte ich mir hinterher oft. Das passte doch gar nicht zu mir.

Aber es verändert sich eben doch manches, wenn die Zeit so knapp ist. Auf vieles habe ich einen anderen Blick, seit ich wieder hier bin. Meetings zum Beispiel. Sie nehmen jetzt, wo mir nur noch ein halber Tag zur Verfügung steht, viel mehr Raum ein. Früher fiel es mir kaum auf, wenn jemand zu spät kam oder erstmal übers Wochenende geplaudert wurde. Nach meiner Rückkehr wurde ich in solchen Situationen oft ganz unruhig. Für mich gab es nur zwei Kategorien: Sinnvoll genutzte Zeit und nicht sinnvoll genutzte Zeit.

Ein Lernprozess

Ich stellte ziemlich schnell fest: Das ist nicht gesund. Die Arbeit zu erledigen ist das eine. Das ganze Drumherum, das in einem Büro läuft, ist aber genauso wichtig. Sonst ist man Einzelkämpfer, statt Teammitglied. Inzwischen habe ich eine gute Balance gefunden. Drei Dinge haben mir dabei geholfen:

Erstens: Zeitmanagement. Gut priorisieren und nicht jede Sekunde zu verplanen, hilft. Selbst wenn man „nur“ fünf Stunden täglich arbeitet. Ich hinterfrage heute viel stärker, ob es Sinn macht, an einem Termin teilzunehmen. Wenn es nicht notwendig ist, nehme ich nicht einfach aus Höflichkeit teil, sondern sage ab. Die Kollegen haben dafür Verständnis. In die anderen Termine gehe ich mit ungeteilter Aufmerksamkeit und schaue nicht ständig auf die Uhr.

Zweitens: Klarheit. Auch wenn man als Teilzeitkraft mit latent schlechtem Gewissen durch die Gegend läuft und in 20 Stunden am liebsten genauso viel erledigen würde wie früher in 40, um zu beweisen, mit wie viel Engagement und Herzblut man dabei ist, hilft am Ende nur eines: Klar sein darin, was man schaffen kann und was nicht. Dazu braucht es Ehrlichkeit sich selbst und den anderen gegenüber. Wie heißt es so schön: Arbeit sucht sich ihren Weg. Zu erwarten, dass andere es merken, wenn man anfängt zu schwimmen, ist zu viel erwartet.

Drittens: Locker machen! Den größten Druck macht man sich selbst. Dabei lebt es sich viel leichter ohne. Ich habe die Erfahrung gemacht: Die Erwartungen der anderen sind meistens gar nicht so hoch. Vieles spielt sich in meinem Kopf ab. Mich mag es unzufrieden machen, wenn ich eine Sache im Büro unbeendet zurücklasse. Tatsächlich geht die Welt nicht unter. Übrigens kann man sich an vieles gewöhnen. Man muss nur ein wenig gnädiger mit sich selbst sein (das gilt auch für zuhause). Und all das sehen, was gut läuft.

Es ist gut, so wie es ist

Das gelingt mir auch oft. Ich weiß zu schätzen, dass ich einen Arbeitgeber habe, der flexibles arbeiten möglich macht. Bei dem ich mir aussuchen kann, wie viele Stunden ich im Büro sein will. Und dass ich Vorgesetzte habe, die mir alle Freiheit geben, die ich brauche. Noch dazu sind die Großeltern in der Nähe, die gerne bei der Kinderbetreuung aushelfen. Das alles sind ziemlich gute Voraussetzungen. Und trotzdem wird mein Leben mit Beruf und kleinem Kind anstrengend bleiben. Aber das ist ok so. Denn ich brauche beides. Meinen Job, der mir unglaublich viel Spaß macht, unter Leuten, die ich gern habe. Und Zeit mit meinem Sohn.

Schönen Feierabend!

Wenn meine Kollegen aus der Mittagspause kommen, renne ich zum Auto. Unterwegs verschlinge ich ein Brötchen und schlängele mich durch den Stuttgarter Straßenverkehr. Punkt 14 Uhr muss ich bei der Kita sein. Mein Kleiner nimmt es mir übel, wenn ich zu spät komme. Er hat dann gerade zwei Stunden geschlafen und ist voller Tatendrang. Mein anderer Job beginnt. Los geht’s.

Kommentare 1 - 5 (5)
Danke für Ihre Nachricht.
Sandra Toth
10
February
2017
Super! Vielen lieben Dank für den tollen Artikel. Ich denke, wie auch schon die anderen Kommentare sagen, du sprichst vielen Mamas aus der Seele. :-)
Melanie
10
February
2017
Wow. Das ist so treffend beschrieben. Es geht mir jeden Tag aufs neue so. Ich habe Zwillinge bekommen und fühle mich als junge Mama ohnehin schon ständig unter Druck. Die Arbeit macht mir so viel Spaß. Das ist etwas in dem ich weiß dass ich gut bin. In dem Mama-Job ist man so oft verunsichert. Und arbeit abzugeben weil man sie nicht schafft ist meine größte Hürde im Job. Aber meine Kollegen und ich befinden uns in einem stetigen Lernprozess was das angeht. Ich danke dir für deine offenen Worte.
Sandra T.
30
January
2017
Der Artikel liest sich als würdest du mir aus der Seele sprechen! Super!
Dieser Lernprozess, ein Weg der Balance zu finden, hat bei mir vor 3 Monaten begonnen. :-) Ich glaube mein schlechtes Gewissen nicht allem gerecht zu werden, wird nie komplett verschwinden.
Helene Wackwitz
27
January
2017
Bravo! Und vielen Dank fuer den schoenen Artikel: besser haette man den Spagat zwischen den 3-K (Kinder, Kueche und Karriere) nicht beschreiben koennen. Und das schlechte Gewissen nicht allem gerecht werden zu koennen bleibt wahrscheinlich bis die Kinder aus der Schule sind und uns nicht mehr brauchen??? Ich haette gerne eine Schaltflaeche dafuer. Kann das vielleicht jemand in die Jobrequirements aufnehmen ;)
Kristin S.
27
January
2017
Liebe Lisa,
vielen Dank für diesen mutigen und so treffenden Artikel. Ich kann jede Zeile unterschreiben. :-).

Ja, es ist ein Lernprozess.
Für MICH, aber auch für meine Kollegen und Vorgesetzten.
Aber was soll ich sagen: wir alle gute Schüler und es funktioniert ganz gut.