16
Dezember
2016
|
10:23
Europe/Amsterdam

Im Tandem unterwegs

Von Elisabeth Nell – Im Frühjahr 2016 dachte ich, jetzt ist es soweit. Ich war seit einem Jahr in Stuttgart und arbeite als Spezialistin für strategische Personalentwicklung bei Daimler Financial Services. Im Team betreuen wir die Nachfolgeplanung unserer leitenden Führungskräfte weltweit und entwerfen neue Konzepte für die Weiterentwicklung der Mitarbeiter.

Ein guter Zeitpunkt also, um mich nach einem Ehrenamt umzusehen. Vorbild dafür sind meine Eltern, die sich in verschiedenen Initiativen und Vereinen engagieren, kulturell wie sozial. Ich habe zuhause immer vorgelebt bekommen, dass es andere Lebensrealitäten und -umstände gibt, die man kennenlernen muss. Außerdem bin ich ein neugieriger Mensch und wollte erfahren, wie andere Menschen in Stuttgart leben und mit welchen Herausforderungen sie im Alltag konfrontiert sind. Ein weiterer Grund, nicht ganz selbstlos: Als Neu-Stuttgarterin dachte ich, dass man so auch außerhalb der Arbeit interessante Leute kennenlernen könnte. Gedacht, getan!

Erfahrene Mentoren gesucht

Über die Freiwilligenbörse der Stadt Stuttgart bin ich dann auf die Joblinge gestoßen. In der Börse kann man bequem nach Aufgabentyp, Zielgruppe und Stadtbezirk suchen. Eines der Ergebnisse fand ich besonders spannend: Die Joblinge gAG bietet für Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz haben, ein sechsmonatiges Intensivprogramm, das sie in der Suche nach einer Stelle unterstützt. Dafür suchen sie Mentoren, welche die Jugendlichen in dieser Zeit begleiten und ihre Erfahrung im Berufsleben teilen. Passt perfekt, dachte ich mir, und ging kurzerhand zum ersten Treffen.

Nach einem sehr netten Austausch kam direkt die Einladung zum Mentorentraining. Dort wurden wir an zwei Abenden ganz unverbindlich auf die Tätigkeit vorbereitet und haben sehr viel über die Joblinge erfahren: Sie sind zwischen 17 und 25 Jahre alt, größtenteils Hartz IV-Empfänger, 60 Prozent haben höchstens einen Hauptschulabschluss, die meisten haben einen Migrationshintergrund. Mich beeindruckte sehr, dass die Vermittlungsquote der Joblinge bei 70 Prozent liegt. Rund 80 Prozent davon sind sechs Monate später immer noch in der Ausbildung.

Es passt!

Das Training hat mich in meinem Vorhaben gestärkt, für sechs Monate Mentorin eines Joblings zu werden. Kurz danach fand das „Matching“-Event statt, das ich wirklich aufregend fand: Mentoren und Jugendliche haben sich spielerisch kennengelernt und erst nach einer Weile wurde verraten, welche Tandems zusammengehören. Mein Jobling ist eine 24-jährige Frau aus Pakistan, die seit drei Jahren in Deutschland ist und eine Ausbildung als Versicherungskauffrau anfangen möchte. Wir treffen uns einmal die Woche, gehen spazieren oder Kaffee trinken – und reden. Wir sprechen über Bewerbungen, über Stärken, über Vorstellungsgespräche; aber auch über Familie, Kultur, Essen und Religion. Für mich ist das sehr bereichernd: Es ist schön, meine Berufserfahrung mit ihr zu teilen, sie bei ihren ersten Schritten in die Berufswelt zu begleiten, zu sehen, wie sie ihre Praktika absolviert. Hier kann ich aus meinem Alltag bei DFS ganz konkret einer jungen Frau etwas mitgeben. Aber ich lerne mindestens genau so viel von ihr. Der Perspektivwechsel bringt mir immer wieder Impulse für meinen regulären Job. Ich hoffe sehr, dass wir uns bald gemeinsam über einen unterschriebenen Ausbildungsvertrag freuen können.

Die Joblinge gAG wurde 2007 von der Boston Consulting Group und Eberhard von Kuenheim Stiftung gegründet. Sie hat 24 Standorte in Deutschland und unterstützt Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Bisher konnte sie deutschlandweit schon mehr als 3.700 benachteiligte Jugendliche vermitteln. Infos rund um die Joblinge und wie man Mentor werden kann, finden Sie hier.
Kommentare 1 - 1 (1)
Danke für Ihre Nachricht.
Nataliia Melnychuk
19
December
2016
Elisabeth, TOP Bericht. Sehr interessant!
Schön, dass Du es machst!