14
Oktober
2016
|
08:58
Europe/Amsterdam

Hier isst die Welt

Von Bianca Grimm - Überall kleben Namensschildchen, auf einer Weltkarte wurden Dutzende Länder markiert, es riecht nach frischen Gewürzen und süßem Gebäck. Es fühlt sich nach einem bevorstehenden gemütlichen Abend bei Freunden an. Doch tatsächlich sitzen wir – IN EINEM CONTAINER!

Willkommen in der „Kitchen on the run“

Wir (meine ehemalige Kollegin Sara Häßner und ich) befinden uns in der mobilen Küche „Kitchen on the run“ der Initiative „Über den Tellerrand“. Einheimische und Geflüchtete bereiten hier gemeinsam Essen zu und tauschen am Küchentisch Geschichten aus. Es ist ein Ort der Begegnung. Ein Ort, an dem sich Menschen in ungezwungener Atmosphäre kennenlernen können. Wo Freundschaften entstehen können. Und Integration gelebt wird. Sara hatte in unserem Unternehmen Werbung für das Projekt gemacht und eine Spende initiiert – immerhin zehn Kochabende konnten dadurch finanziert werden. Quer durch Europa tourte der Container in den letzten Monaten. Im September kam er nach Berlin. Und ich hatte endlich Gelegenheit, live bei einem der Kochevents dabei zu sein.

Schnibbeln, kochen, essen, plaudern – Integration mal anders

20 Menschen aus Syrien, Dänemark, Taiwan und Deutschland kochen an diesem Montagabend zusammen an Tabouleh, Tahini-Pilz-Pfanne und Mandelkeksen. Fröhlich wird geschnitten, gegessen und gequatscht. Und nebenbei Geschichten ausgetauscht.

Jennifer aus Taiwan erzählt von ihrer Reise von Island über Deutschland bis nach Amsterdam. Sie hatte zufällig von der „Kitchen on the run“ gehört und wollte den Container unbedingt zum Teil ihrer Reise machen. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, sich mit Menschen unterschiedlichster Kulturen zum gemeinsamen Kochabend zu verabreden? Wer sich rechtzeitig anmeldet, ist dabei – 20 Plätze pro Kochabend werden vergeben. Einziges Kriterium: Die Truppe soll bunt gemischt sein, Ortsansässige und Geflüchtete ins Gespräch kommen.

So vielfältig die Menschen, so vielfältig die Geschichten

Unser Gastgeber und Koch des Abends, Somar aus Syrien und Barista feinster Klasse, erzählt von seinem Studium der englischen Literatur, wie er in kürzester Zeit türkisch lernte und mit seinem deutschen 'Kochpartner in Crime' nun seine vierte Sprache im Austausch lernt. Ein anderer Teilnehmer, Hamid, berichtet stolz, dass er sich gut in Deutschland eingelebt hat und mittlerweile in seinem eigenen Restaurant kocht. Ich genieße an diesem Abend nicht nur das tolle Essen. Ich lausche den Erzählungen und sauge die besondere Atmosphäre auf.

Vorurteile hinter sich lassen, Freundschaft schließen

Auch die Projektleiter haben spannende Geschichten parat: Die Tour mit dem Küchencontainer durch Italien, Frankreich, Deutschland, die Niederlanden und Schweden hielt viele positive Überraschungen für das Team bereit. Viel Unterstützung haben die Organisatoren auf ihrer Reise erfahren, durch die Einwohner der jeweiligen Städte genauso wie durch die Geflüchteten vor Ort. Es war Austausch pur und das Wissen darum, dass in den Küchen dieser Welt die spannendsten Geschichten ausgetauscht, Vorurteile überholt und Freundschaften geschlossen werden können, so die Organisatoren.

Und wie geht es mit der mobilen Küche weiter?

Berlin ist vorerst die letzte Station der „Kitchen on the run“. Nun legt die Gruppe, die ein halbes Jahr Vollzeit mit diesem Projekt beschäftigt war, eine Winterpause ein. Was im Anschluss passiert, ist noch offen. Es gibt viele Ideen, welche Wege der Container als nächstes nehmen könnte. Ob er erneut auf Reisen geht, auf Festivals oder anderen Veranstaltungen seine Pforten öffnet oder doch als Austauschstätte bei Firmenevents zum Einsatz kommt, ist letztlich auch davon abhängig, wie viele Spenden die mobile Küche für sich verbuchen kann.

Wie auch immer das Projekt weitergeht: Ich werde es auch weiterhin verfolgen und hoffe, dass sich noch viele Unterstützer finden, damit Menschen unterschiedlicher Herkunft auch weiterhin an diesem besonderen Ort zusammenfinden.

 

Wer über die mobile Küche informiert bleiben möchte, kann über Kitchen on the run oder Facebook am Ball bleiben.

Kommentare 1 - 3 (3)
Danke für Ihre Nachricht.
Waltraud Wolff
21
October
2016
Noch schöner sind die Erinnerungen an das "Kochen über den Tellerrand", als der Container 4 Wochen lang in unserem schönen Duisburg-Neumühl stand. Das Erleben, mit ALLEN gemeinsam auf Augenhöhe, enorm viel Spass beim Kochen und entspanntem Essen zu haben!!! Geblieben ist dieses gemeinsame durchwärmende Gefühl.Wichtig, dass wir nun das Kochen über den Tellerrand in veränderter Form durchführen.
Waltraud Wolff
Niels Herbst
17
October
2016
Ein toller Artikel, der einfach mal über uns "Banktellerrand" hinaus blickt und in diesem Format schön zu lesen ist!
Niels Herbst
14
October
2016
Tolle geschrieben und klasse Engagement. Schön, mal so einen Bericht zu lesen :-)