08
Dezember
2016
|
13:06
Europe/Amsterdam

Großraumbüro: Fluch oder Segen?

Von Lisa Orgeldinger – „Arbeiten im Großraumbüro“ tippe ich bei Google ein – und bin überrascht über die Suchergebnisse: „Umgang mit Störung und Ablenkung“,Wie das Überleben im Großraumbüro gelingen kann“, „Wenn die Arbeit krank macht“, „5 Tipps, wie Sie im Großraumbüro glücklich werden“, heißen die ersten Treffer.

Huch, denke ich mir. Wo sind denn all die positiven Schlagzeilen hin? Wurde das Open Space-Konzept nicht lange Zeit als ultimatives Geheimrezept für Kreativität, Austausch und Teamgeist gefeiert? Moderne Unternehmen öffneten sich damals reihenweise und tun es heute noch. Ade Einzelbüros und Zweierzimmer, wir ziehen alle auf die „Fläche“!

 

Ab ins Großraumbüro

So auch bei uns. Ganz ehrlich: Ich zählte damals, vor etwa vier Jahren, nicht zu denen, die vor Freude ausflippten. Im Gegenteil. Ich gehörte schon immer zu denen, die lieber in Ruhe arbeiten. Die die Informationsschnipsel, die im Großraumbüro (ich arbeite in der Kommunikationsabteilung) rund um die Uhr über die Tische fliegen, nicht immer als Mehrwert empfinden, sondern oft auch als Störfaktor. Und die die Argumente pro Großraumbüro als Vorwand interpretierten, um möglichst viele Mitarbeiter auf kleinem Raum unterzubringen.

Und jetzt?

Jetzt wundere ich mich über mich selbst. Ich bin fast ein wenig enttäuscht über all die Warnhinweise und Überlebenstipps, die ich im Internet ausgespielt bekomme. Und zum ersten Mal wird mir klar: ich habe mich mit der Situation besser arrangiert, als erwartet.

Ich muss zugeben: Ich sitze auch nicht in einem dieser Mega-Großraumbüros, in denen hunderte Menschen in kleinen „Boxen“ arbeiten. Ich sitze in einer Schreibtischeinheit von sechs Arbeitsplätzen, weitere sechs direkt vor mir. Zu meiner Rechten ein Büro mit vier Kollegen, die Türen stehen offen. Wer in Ruhe arbeiten, telefonieren oder in kleiner Runde etwas besprechen will, kann sich in ein „Flex Office“ zurückziehen, kleine Oasen der Ruhe.

Ich sehe und höre ALLES

Von allem, was sich rund um die 15 Kollegen in meiner Umgebung abspielt, nehme ich Notiz: Ich höre ihre Telefonate (jedenfalls zur Hälfte), Gespräche zwischen Tischnachbarn, sehe, wenn jemand aufsteht und zum Drucker geht, höre, wie jemand niest – und zwei, drei, vier „Gesundheit“-Bekundungen. Ich bekomme alle Besuche an jedem Schreibtisch mit, vernehme Tastatur-Tippen, fluchen, lachen.

Gute Tage

Es gibt Tage, da genieße ich es, Teil des bunten Treibens zu sein. Mitzubekommen, woran die anderen arbeiten, was sie ärgert, was gut läuft. Gemeinsam zu diskutieren, zu lachen und die Stimmung aufzusaugen. Da empfinde ich die vielen Eindrücke als inspirierend, die Masse an Informationen als Privileg. Nebenbei erledige ich meine Aufgaben und gehe mit dem Gefühl nach Hause, viel erlebt zu haben und trotzdem produktiv gewesen zu sein.

Schlechte Tage

Und es gibt die anderen Tage. Da versuche ich zwanghaft alles auszublenden, was um mich herum passiert. Als Redakteurin schreibe ich viele Texte, am einfachsten geht das in einem Rutsch. Zwei bis drei Stunden konzentriertes Arbeiten und fertig ist die Laube. Je öfter ich ansetzen muss, desto nerviger. Wie mit Scheuklappen sitze ich dann vor meinem Rechner und haue in die Tasten. Meine Stirn legt sich in Falten, Hals- und Nackenmuskulatur verkrampfen.

Wenn nichts hilft, hilft Ohropax. Totale Abschottung. Das ist nicht sonderlich sozial. Kollegen müssen mich oft zweimal ansprechen, um eine Reaktion von mir zu bekommen. Sie sehen ja nicht, dass ich nichts höre. Und sind peinlich berührt, wenn sie merken, dass sie mich aus meinen Gedanken gerissen haben. Und ich? Setze wieder von neuem an. Und bin genervt von den Zeilen, die ich zum x-ten Mal lese, um den Faden wieder aufzunehmen.

Woran liegt’s?

Hängt es also von der Art der Tätigkeit ab, wie mein Tag im Großraum-Büro läuft? Ganz bestimmt. Aber auch von der Planung. ‚Warum habe ich mich nicht gleich in ein Flex Office gesetzt oder bin im Homeoffice geblieben?!‘, denke ich mir oft. Man muss lernen, bewusst mit der Situation umzugehen. Jeder für sich und alle gemeinsam. Bei uns gab es dabei viele Höhen und Tiefen. Regeln, die wir aufgestellt haben. Und wieder verworfen. Es hat eben nicht jeder dieselben Bedürfnisse.

Doch eines haben wir alle gelernt: Aufmerksamer zu sein. Zu sehen, wen man stören darf und wen eher nicht. Und dann funktioniert es auch. Bei mir jedenfalls überwiegen die guten Tage.

Wie läuft es bei Ihnen? Arbeiten Sie auch im Großraumbüro und wie kommen Sie damit zurecht? Welche Methoden haben Sie für sich oder in der Gruppe entwickelt, damit die Arbeitsatmosphäre für alle angenehm ist?
Kommentare 1 - 2 (2)
Danke für Ihre Nachricht.
Matthias Bukor
13
January
2017
Eingesperrt mit ein oder zwei Kollegen oder gar ein Einzelbüro?! Für mich: unvorstellbar! Die Arbeit ist Teil meines Lebens - dann soll's da bitte auch lebhaft zugehen. Danke Lisa, für den tollen Beitrag :-)
Bernd Wehinger
12
December
2016
Großraumbüro, so wie wir's heute haben - Meine persönliche Meinung - großer Mist !
Zuwenig Besprechungsräume, kein Flexoffice, wohlfühl Temperatur für alle geht nicht, ungestört arbeiten echt schwierig und bei jedem Gespräch an meinem Platz ein schlechtes Gewissen.