02
August
2016
|
11:55
Europe/Amsterdam

Dance for Good! - Im Wechselbad der Gefühle

Von Karin Wußmann – Kann man mit 50 Jugendlichen verschiedener Nationalität, aus unterschiedlichen Kulturen und mit höchst individuellen Lebensgeschichten ein Tanz- und Theaterprojekt auf die Beine stellen? Kann man in drei Monaten Training so viel lernen, dass man damit einen Abend mit 20 verschiedenen Stücken füllen kann? So, dass am Ende der Saal kocht und neben den Akteuren auch das Publikum jubelt und strahlt?

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Als ich beim ersten Zusammentreffen der Jugendlichen mit Eric Gauthier dabei war, hätte ich bei der Antwort auf die Frage meine Zweifel gehabt. Eine Gruppe von minderjährigen Geflüchteten und Stuttgarter Schülern hatte sich für das integrative Projekt „Dance for Good!“ zusammengeschlossen, um sich künstlerisch mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen. Ich sah anfangs eher verunsicherte, wenig selbstbewusste und im wahrsten Sinne des Wortes mit Berührungsängsten versehene Jungen und Mädchen. Ein bisschen Leid tat mir dabei ein vielleicht 13-jähriger, dunkelhaariger Junge. Er stand der gemeinsamen Aufgabe eher unsicher und ziemlich unruhig gegenüber, hatte aber zusammen mit den anderen Jugendlichen nach den ersten eineinhalb Stunden des Trainings schon erkennbare Fortschritte gemacht.

Eine Show, die 50 Geschichten erzählt

Jetzt, nachdem ich die Aufführung von „Identity“ gesehen habe, kann ich meine Fragen von oben ganz klar mit: „Ja, man kann!“ beantworten. Eric Gauthier und seine Kompanie, Carmen Scarano und Jakob Dambacher-Walesch vom Theaterhaus haben mit dieser Jugendtruppe Begeisterndes auf die (Tanz-)Beine gestellt. In einer bunten Show haben sie es geschafft, den weiten Bogen über die Themen zu spannen, die die 50 Lebensgeschichten mit all ihren Facetten widerspiegeln. Den jungen Akteuren ist es dabei gelungen, das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle zu stürzen. Begonnen beim jungen Mann, der seine Familie und seine Heimat verloren und hier wieder gelernt hat, Worte zu finden und über sein Schicksal zu sprechen, über Tanzeinlagen, bei denen man sich auf andere verlassen und ihnen vertrauen, sich auch gegenseitig helfen muss, hin zur tänzerischen Veranschaulichung von Angst und Gewalt bis zum vor Freude überschäumenden, lebensfrohen bunten Finale furioso.

Die Kehle eng, die Augen feucht

Ein Moment, der mir dabei sehr naheging und mich persönlich sehr berührte, war die Szene, in der plötzlich viele kleine bunte Schaumstoffbälle auf die Bühne kullerten. Diese Bälle verbinde ich mit sehr unbeschwerten und freudigen Erinnerungen an das Ball-Passing-Projekt im letzten Jahr, an dem ich im Rahmen des COLOURS-Tanzfestivals teilgenommen habe. Und plötzlich versinnbildlichten diese Bälle die verzweifelte und vergebliche Suche von Kindern und Jugendlichen nach ihren Eltern. Die Darsteller auf der Bühne zu sehen, wie sie diese Bälle, die mir so viel Freude und Leichtigkeit beschert hatten, in den Händen hielten und verzweifelt nach Vater und Mutter riefen, da wurde meine Kehle eng und die Augen feucht.

Künstlerisch vielfältige Leistung – von Hip-Hop bis Klassik

Ein Auf und Ab der Emotionen, kurz vor den Tränen und dann das befreiende Lachen. Eine wohl dosierte Mischung aus Fröhlichem und Bedrückendem, aus Freudigem und Berührendem, aus Theater und Tanz, Sprache und Bewegung. Eine unglaubliche Vielfalt von Klassik bis Moderne, von Hip-Hop bis zum klassischen Spitzentanz boten die jungen Künstler ihrem Publikum, das zwischen heller Begeisterung und völliger Sprachlosigkeit ob der Ausdrucksstärke der dargebotenen Leistungen hin und her taumelte. Und mittendrin der kleine dunkelhaarige Junge. Konzentriert, selbstbewusst und offensichtlich voller Freude, ein Mitglied in diesem bunten Ensemble zu sein.

Über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg

Es war wunderschön zu erleben, wie aus dieser anfangs bunt zusammengewürfelten Truppe nun eine sehr fröhliche, miteinander vertraute kleine Tanzkompanie geworden ist. Aus den eher schüchtern agierenden Jungen und Mädchen sind selbstbewusste Tänzer geworden, die nicht nur Sprach- und Kulturbarrieren abgebaut haben, sondern auch die für den Tanz notwendige und typische körperliche Nähe in einer wunderbaren Unbefangenheit zugelassen haben. Damit ist es ihnen gelungen, am Ende über sich selbst hinaus zu wachsen und ausdrucksvolle Aussagen auf die Bühne des Theaterhauses zu zaubern.

„Dance for Good!“ ist eine Nachhaltigkeitsinitiative der Mercedes-Benz Bank. Entstanden ist das Projekt aus dem internationalen Tanzfestival COLOURS 2015, bei dem Stuttgarter Innenstadtpassanten beteiligt waren. Sie konnten in der „Tanz-Box“ am Rotebühlplatz für einen sechssekündigen Tanz eine Spende von sechs Euro generieren. Die ertanzten Spenden verdoppelte die Mercedes-Benz Bank auf eine Summe von insgesamt 50.000 Euro, mit der das Theaterhaus Stuttgart „Dance for Good!“ umsetzte. Ziel des integrativen Projekts ist es, junge Geflüchtete und Jugendliche aus Deutschland für Tanz und Theater zu begeistern. Im Zuge dessen haben die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten einen interkulturellen Deutschkurs besucht. Seit April 2016 erarbeiteten die Jugendlichen in Tanz- und Theater-Workshops eine gemeinsame Performance, die im Theaterhaus am 25. Juli 2016 Premiere feierte.
Kommentare 1 - 1 (1)
Danke für Ihre Nachricht.
Ejiam
10
July
2017
Liebe Karin, danke für diesen tollen Bericht! Man spürt dass es eine tolle Erfahrung war.
Super dass solche Aktionen unterstützt werden!!! :)