22
Februar
2017
|
08:30
Europe/Amsterdam

Auf der anderen Seite

Von Diana Voigt-Rauth – Eine Woche dem Büroalltag entfliehen. Eintauchen in eine andere Welt. Nein, es geht nicht um einen Tauchurlaub in warmen Gefilden. Sonst hätte ich mich nämlich nicht gefragt, ob ich dem Ganzen standhalten kann. Ein SeitenWechsel stand bevor. Und es ging nicht in den Urlaub ans Mittelmeer, sondern um einen Praxiseinsatz der besonderen Art nach Berlin.

Das etwas andere Praktikum

Mit dem klassischen Praktikum im Sinne einer Ausbildung hatte mein Vorhaben nichts zu tun. Ich stehe seit über 20 Jahren im Berufsleben und bin für die Personalentwicklung bei Daimler Financial Services und der Mercedes-Benz Bank zuständig. Im Job bedeutet das für mich, Mitarbeiter bei der Karriereplanung zu unterstützen und ihnen dazu auch neue Perspektiven aufzuzeigen. Genau zu diesem Zweck ist die Zusammenarbeit mit SeitenWechsel entstanden, die ich als Koordinatorin im Unternehmen betreue. Was anfangs als soziales Kooperationsprogramm zur Weiterentwicklung von Führungskräften initiiert wurde, ist mittlerweile für jeden Mitarbeiter von Daimler Financial Services und der Mercedes-Benz Bank möglich. Doch was bedeutet SeitenWechsel eigentlich genau?

Tod, Drogen, Gefängnis oder Krankheit. Alles Dinge, denen man im Normalfall so gut wie eben möglich aus dem Weg geht. Bei einem SeitenWechsel ist das Gegenteil der Fall: Man ist direkt damit konfrontiert. Für eine Woche haben Mitarbeiter die Möglichkeit, in einer sozialen Einrichtung zu hospitieren. Und hierbei ist alles möglich – vom Krankenhaus bis zur Entzugsstation.

Kinderhospiz Sonnenhof – der Tod zu Gast

Mein Einsatz führte mich zu einem Kinderhospiz mit dem Namen Sonnenhof. Ein schöner Name für einen Ort, an dem Kinder mit unheilbaren Krankheiten leben. „Sie leben hier nicht, sondern sind unsere Gäste.“ So wurde ich am ersten Tag korrigiert. Schwester Susanne* führte mich in der alten Villa herum. Zwölf Gäste zwischen eineinhalb und 28 Jahren waren hier untergebracht. In der Regel sind es Kinder. Und wie jedes Hotel seinen Gästen einen möglichst angenehmen Aufenthalt ermöglicht, so besitzt auch der Sonnenhof ein für jeden Besucher bunt ausgestattetes Zimmer. In dem sich anschließenden Garten entdeckte ich einen niedlichen Teich mit kleiner Holzbrücke und einer Menge bunt bemalter Steine. „Ach, wie schön!“, entfuhr mir bei deren Anblick. „Das ist unser Erinnerungsteich", wurde ich aufgeklärt. „Jeder Stein steht für eines unserer verstorbenen Kinder.“ Das saß.

Onepager zum Überleben

Ich wurde von dem Pfleger- und Ärzteteam vor Ort schnell eingespannt, begleitete die Visiten und verfasste im Nachgang die Berichte. Ohne medizinische Vorkenntnisse ging ich etwas nervös an die Sache heran. Umso erleichterter war ich über das positive Feedback. Die Verantwortung wurde nicht weniger: Ab dem zweiten Tag stellte ich das tägliche Medikamentenpaket für jeden Gast zusammen. Natürlich nicht ohne Vier-Augen-Prinzip. Die Menge an Medikamenten war schockierend: Jeder Besucher besaß eine volle Schublade. Dazu kam täglich eine DIN-A4-Seite mit der Liste an einzunehmenden Medikamenten. Der Onepager zum Überleben sozusagen.

Mitgefühl statt Mitleid

Berührungsangst. Das beschreibt meinen Anfang ziemlich genau. Wie oft begegnet man schon schwerstbehinderten und kranken Kindern, wenn es nicht zufällig im eigenen Bekanntenkreis vorkommt? Doch meine Angst war unbegründet. Die Kinder fassten schnell Vertrauen. Spielen, erzählen, waschen wurde zum Alltag. Zwei Gäste werden mir ganz besonders in Erinnerung bleiben: Lilie und Jonathan*.

Lilie

Sie konnte schnell wütend werden. Daher sollte ich immer etwas Distanz wahren. Das Spielen war schwierig, da sie motorisch beeinträchtigt war. Anfangs rollte ich ihr nur farbige Bälle zu. Das schien ihr zu gefallen. Später lagen wir zusammen auf dem Wasserbett und schauten einfach nur in die bunten Lichter, die über uns hingen. Toll, so ein Snoezelen-Raum. Lilie gab zufriedene Laute von sich. Am nächsten Tag, als ich gerade meine Schicht antreten wollte, erblickte sie mich und stürmte auf mich zu. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Im nächsten Moment warf sie sich in einer Umarmung an mich heran. Mein Gott, war ich perplex und glücklich!

Jonathan

Jonathan war schon ein alter Hase mit seinen 28 Jahren und auf eine Rundumversorgung angewiesen. Ich habe ihn jeden Tag gewaschen und gepflegt. Im Untergeschoss des Hospizes gibt es einen kleinen Schwimmbereich. Dort hielt ich ihn über Wasser und ließ ihn über das Wasser gleiten. Er lächelte und so wurde auch ich langsam entspannter. Irgendwann hörte ich auf, nachzudenken wie ich ihn am besten halten müsste, damit er über Wasser bleibt. Ich fühlte mich schwerelos, wahrscheinlich ging es ihm auf dem Wasser genauso.

Schwester Diana

Der Abschied fiel mir weitaus schwerer als erwartet. Zu dem Team und den Gästen habe ich sofort eine starke Verbindung aufgebaut. Schwester Diana nannten sie mich liebevoll. Selten hatte ich in nur einer Woche so viel gelernt. Mit einem lachenden und einem tränenden Auge verließ ich den Sonnenhof, wissend, dass bei meinem nächsten Besuch wieder einige Steine mehr am Erinnerungsteich liegen werden. Aber auch mit der Gewissheit, dass den Gästen ihr Aufenthalt so schön wie möglich gestaltet wird und ich eine Menge toller Erfahrungen machen durfte.

Seitenwechsel: Zurück im Büro

Raus aus der Hauptstadt, zurück ins Büro. Es kam mir vor, als wäre ich länger fort gewesen. Zwar fand ich schnell wieder in meine Arbeit hinein, aber die kurze Zeit im Sonnenhof wirkt nach, auch jetzt noch. Wenn die To-do Liste mal länger wird, bleibe ich nun entspannter als früher und überdenke die Prioritäten genauer. Der Sonnenhof hat mir auf besondere Weise aufgezeigt, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt. Außerdem bin ich ein besserer Beobachter und Zuhörer geworden, weil die Gäste ihre Gedanken nicht immer offen kommunizieren konnten. Das hilft nicht nur als Mensch, sondern auch in meiner Rolle als Personalerin.

*Anmerkung der Redaktion: Die Namen wurden geändert.

 

Über SeitenWechsel

Das Programm wurde von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft entwickelt. Seit 2000 wird es in Deutschland von der Patriotischen Gesellschaft von 1765 angeboten. In Kooperation mit sozialen Einrichtungen werden persönliche und kommunikative Fähigkeiten sowie Führungsqualitäten weiter ausgebildet und im souveränen Umgang mit sensiblen Situationen geschult. Die Mercedes-Benz Bank und Daimler Financial Services haben das Personalentwicklungsprogramm 2013 gestartet.

Weitere spannende Geschichten rund um Jobs und Unternehmenskultur bei Daimler Financial Services gibt es hier. Mehr zum Thema berufliche Entwicklung sowie Informationen zum Einstieg bei Daimler finden Sie auch auf der Karriere-Seite.

 

 

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